Einmal Alpenbrevet ohne Meiringen zum Mitnehmen bitte

Unser Mitglied Joel hat freundlicherweise einen Bericht über seine Alpenexpedition verfasst. Vielen Dank und viel Spass beim lesen:

Alles begann am Freitagabend, da warf ein VCP Senior, seines Zeichens mein alter Herr, die wunderbare Idee in den vom Kaffeeduft erfüllten Raum, man könne ja am Sonntag, bei bester Witterung, einmal einen Alpenpass in Angriff nehmen. Am Samstag Mittag dann die Hiobsbotschaft, es sollte das kleine Alpenbrevet sein, welches unter die Räder genommen werde.

Offensichtlich aus einer REM-Phase gerissen wurde ich am Sonntag morgen geweckt. Auto beladen und ab geht die Fahrt nach Innertkirchen. Nach Materialkontrolle und Proviantakquirierung und wichtigem zweitem Morgenkaffe ging die Reise auf zwei Rädern los in Richtung Grimselpass. Die ersten Weggefährten auf zwei Rädern waren schnell eingeholt und die Motivation somit ebenfalls zum Gipfelsturm bereit. Beste Temperatur und ein lockeres Tempo zum Einstieg machten den Aufstieg zum Pass schon so zum Vergnügen, wie die guten Strassen und das zahme Verkehrsaufkommen. Wir fuhren durch eine idyllische Berglandschaft nur durchbrochen von der Asphaltschlange und einigen Strommasten und deren Kabel. Die Tunnel für den motorisierten Verkehr konnten wir auf der alten Passstrasse umfahren, welche teilweise noch sehr gut erhaltenes Pavé aufwies.

Kopfsteinpflaster

 

Dies senkte die Stimmung im Duo aber keineswegs. Mein alter Herr, nicht nur Radfahrer sondern ab und an auch Motorradfahrer warf immer wieder ein, dass da in Kürze ein erster Stausee den Weg begleiten werde und man dann den Pass schon bald erreicht hätte. Kurz nach unserem Ausflug auf den Strassenbelag der Frühjahresklassiker, erblickte ich auch die erwähnte Staumauer. Allerdings hatte ich in meiner jugendlichen Naivität nicht daran gedacht, dass sich auch der begnadetste Navigator einmal irren könnte und so ging es am Ende des künstlichen Sees mit, in alpiner Region üblichen, Serpentinen weiter in Richtung Pass.

Grimsel

Nach den ersten Motivationsschüben durch das Überholen einiger Tourenfahrer, kamen nun die Profis unter die Räder. Sowohl SAXO Tinkoff als auch das Team Europcar mussten für die Mitglieder ihrer Veteranenabteilung drakonische Strafen verhängt haben, gänzlich ohne Mannschaftswagen erlitten doch zwei ihrer Fahrer kurz vor dem letzten Kilometer bis zum Bergpreis einen Hungerast oder Dehydratation, dass sie nicht ein mal mehr genug Luft hatten um zu grüssen (Meiner Ansicht nach hatte es ihnen der sagenumwobene kleine rosa Gipfelelefant, mit welchem nach Hörensagen auch einige VCPler per du sind, verboten). Bis hier hin von unnötigem motorisiertem Verkehr verschont geblieben, wurden wir nun doch noch von einer Armada an übertunten Subarus überholt.

Hotel-Grimselpass

 

Dennoch wurde uns ein netter Empfang am Pass bereitet – die Sonne schien und die Motivation erreichte Tageshöchststand. Nach üppiger Verpflegung aus der Trikottasche wurde die kurze Abfahrt bis nach Gletsch in Angriff genommen, auch auf diesem Streckenabschnitt erfreulich gute Strassenverhältnisse. Es folgte eine Zusammenkunft am Wasserloch für Radfahrer und ein bisschen Eisenbahnromantik. Weiter ging es in Richtung Furkapass. Die Strasse war gesäumt von Fotografen, die jedoch in keinster Weise Interesse an den Athleten des VCP zeigten. Unbekümmert davon fuhren wir dem Berghotel Belvédère am Rande des Rhônegletschergebiets. Kurz nach der Passage des Hotels dann ein erster kleiner Unfall auf der Strasse. Ölbinder wurde fachmännisch vom TCS-Mitarbeiter auf der Strasse verteilt und von einem Gesetzeshüter, irgendwie gelangweilt dreinblickend vom Wetter oder der grässlichen Landschaft, kritisch beobachtet. Dreihundert Meter und eine Serpentine später dann schon der zweite Unfall? Je näher wir kamen desto unschlüssiger wurden wir mit diesem Gedanken. Auf Höhe des Unfalls dann die Erkenntnis: Keine zwei Unfälle sondern nur Einer. Die Bremsspuren deuteten auf einen vierrädrigen Verkehrsteilnehmer hin, welcher wohl durch die Leitplanke gebrochen war und etwa zwanzig Meter weiter unten einem anderen Auto, in freiem Fall, begegnete. Auf dem Furkapass, dem Dach der heutigen Etappe angekommen wurden wieder feinste Köstlichkeiten aus der Trikottasche gezaubert, bevor es auf eine Abfahrt ging die Ihresgleichen sucht.

Panorama

 

Auf dieser, auf den ersten Metern nur durch ein paar Granitblöcke begrenzten Strasse, schnellten wir Hospental am oberen Ende des Urserentals entgegen. Mit stetigem Gegenwind konfrontiert, führte der Weg nach Andermatt und über die verkehrstechnisch überlastete Kantonsstrasse nach Wassen, wo wir den für heute letzten Pass in angriff nahmen. Die Temperatur auf den ersten fünf bis sieben Kilometern durch das Meiental war enorm hoch. Der Susten ähnelt in der Steigung den anderen beiden Pässen des Tages, ist allerdings mit Verlaub „ä richtige Sauhund“, dies weil man schon sehr bald das nicht näherkommende Ende des Passes in Sichtweite hat. Ähnlich dem Mont Ventoux schlängelt sich die Strasse dem Berghang entlang. Bis zu einer Serpentine die so gut ausgebaut ist, dass sie diesen Namen eigentlich schon nicht mehr verdient. Von diesem Punkt aus hat man es vermeintlich geschafft, doch Fehlanzeige die Passstrasse führt weiter Richtung Passhöhe. Hat man diese dann erreicht merkt man es gar nicht da sie im unbeleuchteten Scheiteltunnel liegt. Die Meteorologen hatten einen ihrer seltenen Glückstage. Denn sie prophezeiten für den späteren Nachmittag ein wenig kondensierten Wasserdampf, welcher aber auf dem noch warmen Strassenbelag schnell verschwand. Den Temperatursturz im Tunnel hingegen, hätten wohl auch die Muotathaler Wetterschmöcker nicht vorhersehen können.

Sustenpass

 

Der VCP-Tross begab sich also zwecks Windschutz, Ankleidung und Gipfelkaffee zu überteuerten Preisen ins Bergrestaurant. Im Anschluss wurde die Abfahrt bis zum Ausgangspunkt in Angriff genommen, auf der sich das Wetter wieder besserte. Einzig die Kurven in den Tunnels, bei welchen man das Ende nicht absehen konnte, waren noch fordernd. Ansonsten hielt sich die Gefahr in Grenzen. Ausgelaugt und mit einigen Höhenmetern in den Beinen würde das Teamfahrzeug wider beladen und die Heimreise angetreten.

 

Da es meine ersten Alpenpässe waren, kann ich anderen Neulingen zum Schluss auf diesem Terrain nur empfehlen, geht die Pässe langsam an und nehmt euch genug warme Kleidung mit, denn die Aufstiege sind nicht übermässig steil aber lang und die Abfahrten sind auch bei hohen Tagestemperaturen recht kühl.